Erklärung des venezolanischen Netzes zur psychologischen Begleitung und des Verbandes der Psychologen Venezuelas

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Das venezolanische Netz zur psychologischen Begleitung

(RAP – Zentraluniversität UCV - Katholische Universität UCAB – Simón-Bolívar-Universität USB - Metropolitanische Universität UNIMET)

und

der Verband der Psychologen Venezuelas (FVP)

veröffentlichen am 18. März 2015 in Caracas folgende Erklärung:

Wir bekunden hiermit die ernste Sorge, die uns die psychosozialen Risiken für die Einwohner Venezuelas im Angesicht der laufenden sozialen, wirtschaftlichen und politischen Krise in diesem Land bereiten. Die Krise ist aus einer ganzen Reihe von diversen Umständen erwachsen und beeinträchtigt das tägliche Leben des Bürgers beträchtlich.

Zu nennen sind:

- der alarmierende Verfall der Kaufkraft der Löhne und Gehälter bei entfesselter Inflation;

- die Unterversorgung mit Nahrungsmitteln und anderen, lebenswichtigen Bedarfsartikeln bei gleichzeitig täglich stundenlangem Beschaffungsaufwand;

- die Verschlechterung des Gesundheitswesens und der schwerwiegende Mangel an Medikamenten sowie unabdinglichen medizinischen Bedarfsmitteln zur Behandlung von Krankheiten und Notfällen;

- der wachsende Anstieg von Kriminalität, sozialer Gewalttätigkeit und Gewalttätigkeit des Justiz- und Polizeiapparates bei gleichzeitiger Ausweitung der Korruption und der Straflosigkeit;

- eine Atmosphäre der permanenten Gereiztheit in der politischen Konfrontation und die Eskalation gewaltgeladener Diskurse;

- das Umsichgreifen von Zensur in unterschiedlichen Ausprägungen bei gleichzeitiger Verklagung, Verfolgung und Kriminalisierung von Bürgern und Organisationen, wenn diese verfassungsgemäß ihr Recht auf friedlichen Protest wahrnehmen.

All diese Umstände schädigen die physische und psychologische Verfassung und die Gesundheit der Bürger und bewirken u.a. Angst, Furcht, Beklemmungen, Depression, Empörung, psychosomatische Krankheiten, Unsicherheit mit Blick auf die Zukunft, Aggressivität, Hoffnungslosigkeit, Apathie, individuellen Rückzug und die Verringerung von gemeinsamen Beschäftigungen an öffentlichen Plätzen und im gemeinschaftlichen Raum. Dies sind im Angesicht der herrschenden Ungewissheit und Anomie einige der individuellen, familiären und kollektiven Entwicklungen in der venezolanischen Bevölkerung, die durch die anhaltende, sozio-ökonomische und politische Krise ausgelöst wurden; die Krise vertieft sich gegenwärtig weiterhin inmitten einer wachsenden, konfliktbefrachteten Instabilität.

Die Häufigkeit und die Heftigkeit dieser Emotionen bewirkt Veränderungen im Verhalten des Venezolaners. Die eigene Integrität und die des Mitmenschen wird geschädigt.

Vor diesem Hintergrund verdienen zwei alarmierende Tatsachen zusätzlich Aufmerksamtkeit:

  1. Die Ermächtigung der staatlichen Sicherheitskräfte, tödliche Waffen im Einsatz gegen Kundgebungen von Bürgern einzusetzen, mit zu bedauernden Konsequenzen und Opfern.
  2. Der vorgeblich absichtlich und geplant durchgeführte „psychologischen Krieg“ gegen die Regierung und das Volk Venezuelas, wie er auf der einen Seite denunziert wird, während auf der anderen Anklagen wegen „psychologischer Folter“ an politischen Häftlingen von Familienangehörigen und verschiedenen Menschenrechtsorganisationen grassieren.

In diesem komplexen, neuralgischen Kontext können wir in Wahrnehmung unserer beruflichen und ethischen Verantwortung als RAP und FVP nicht umhin, uns mit folgenden Sorgen und Forderungen an die Öffentlichkeit zu wenden:

  1. Wir bekunden unsere tiefe Sorge ob der genannten Ungunst der Stunde und warnen vor den geistig-gesundheitlichen Schäden, die die Einwohner Venezuelas davontragen und manifestieren – Schäden, die sich inzwischen zu einem Problem des öffentlichen Gesundheitswesens ausgewachsen haben -, weil sie dauerhaft einem Umfeld starker Polarisierung und sozialpolitischer Brisanz ausgesetzt sind, was u.a. Schmerz, Angustia, Zorn, Furcht, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit auslöst. Wir bekunden hiermit unsere Solidarität mit den im Gesundheitswesen Tätigen und besonders mit denjenigen, die sich in der Psychologie verwenden und direkte und indirekte Opfer dieser Situationen betreuen. Wir laden die Gemeinschaft der Psychologen dazu ein, Raum für den Dialog zu eröffnen, damit miteinander gesprochen, nachgedacht, sich mitgeteilt werden kann. Es müssen dabei Alternativen ausfindig gemacht werden, die das friedliche und demokratische Zusammenleben unter Venezolanern fördern.
  2. Wir warnen vor dem unangemessenen Gebrauch von psychologischen Kategorien und Begriffen zur Rechtfertigung und Legitimierung von regierungspolitischen Maßnahmen und parteipolitischen Aktionen, die die Teilung und Konfrontation unter Venezolanern nur verschlimmern. Wir fordern von der Generalstaatsanwaltschaft und dem Verteidigeramt der Bürger der Republik, den Anzeigen wegen „psychologischer Folter“ und körperlicher Folter nachzugehen, die an Mitbürgern, die in Haft sitzen, weil sie an Protestaktionen teilgenommen haben, verübt worden sein soll und wir fordern, die möglichen Verantwortlichkeiten rechtzeitig festzustellen.
  3. Wir fordern von der Bolivarischen Regierung von Venezuela und von allen politischen Führungspersonen, die sich an den politischen Auseinandersetzungen beteiligen, jede Redeweise abzulegen, die Krieg in den Mund nimmt; von der Entmenschlichung in der den politischen Gegnern gegenüber verwendeten Sprache Abstand zu nehmen, die ständige Konfrontation aufzugeben und die Manifestationen der Bürger nicht mehr zu kriminalisieren. Wir bestehen darauf, unbegründete Anschuldigungen und Erklärungen zu unterlassen und diese grundsätzlich mit Beweisen zu untermauern, da sonst allgemein Furchtsamkeit und Ängstigung der Bevölkerung wachsen.
  4. Wir lehnen den willkürlichen Einsatz von lebensbedrohender Gewalt bei jeglicher polizeilichen, militärischen und zivilen Handlung ab. Keine politische Differenz, kein sozialer Unterschied rechtfertigt die Nichtachtung des Lebens, erst Recht nicht das von unschuldigen Menschen, insbesondere das von Kindern und Jugendlichen, die in diesem Land schon früh den Auswirkungen der allgemeinen sozialen und politischen Gewalttätigkeit ausgesetzt sind.
  5. Wir setzen uns für das Leben ein, für den sozialen Frieden und die Achtung der Menschenrechte aller Einwohner Venezuelas. Wir lehnen soziale und politische Gewalttätigkeit als Mittel zur Lösung von historischen und politischen Problemen unter Völkern ab, und hinweisen auf die nicht auszumachenden sozialen, wirtschaftlichen und politischen Kosten, auf die unzähligen Todesopfer, die ausgebrochene Armut und die Verletzungen der Menschenrechte um uns herum: denn diese Szenarien haben unsere brüderlichen Nachbarländer in Lateinamerika zyklisch gebeutelt, wie auch Länder in anderen Regionen der Welt.
  6. Wir kennen die kreativen Kapazitäten und Stärken des Venezolaners, der widrige Umstände überwindet und fortzuschreiten weiss. Und in der Überzeugung, dass es heute nicht darum gehen kann, welche politische Tendenz die andere überwindet, sondern das demokratische Zusammenwirken und der Friede Venezuelas auf dem Spiel stehen, rufen wir alle Bürger, öffentliche Einrichtungen und private Organisationen - vor allem aber die Vertreter der Regierung und die Akteure aller politischen Farben, die die größte Verantwortung tragen – dazu auf, ihre Kräfte zusammenzulegen, um auf friedlichem und demokratischem Wege und in abgestimmter Weise Antworten und Lösungen für Venezuela unter Anerkennung unserer sozialen und politischen Vielfalt zu finden. Gemeinsam müssen wir den Weg des friedlichen und der demokratischen Zusammenlebens wieder aufnehmen können.

Caracas, am 18. März 2015

(aus dem Spanischen: www.claudiasierich.com)

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